25. November 2025

Wissenschaftscheck: Personalisierte Kinderernährung

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Herzlich Willkommen zu unserem neuen Format, dem „Wissenschaftscheck“. Hier präsentieren wir Ihnen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zu verschiedenen Gesundheitsthemen und stellen diese verständlich für Sie dar. So bleiben Sie immer auf dem Laufenden über die neuesten Studien und Forschungsergebnisse!

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Was bedeutet personalisierte Ernährungsphysiologie bei Kindern?

Die personalisierte Ernährungsphysiologie bei Kindern ist ein dynamisches Forschungsfeld, das zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen rückt. In diesem Wissenschaftscheck beleuchten wir exemplarisch einige Mikronährstoffe, deren gezielte Gabe nachweislich positive Effekte auf Immunfunktion, kognitive Entwicklung und Stoffwechselprozesse haben kann. Doch die aktuelle Studienlage zeigt: Personalisierte Ernährung geht weit darüber hinaus.

Wachstum, neurologische Reifung, Immunentwicklung und metabolische Regulation verlaufen individuell – beeinflusst durch Genetik, Umweltbedingungen, Lebensstil und bestehende Gesundheitsrisiken. Pauschale Ernährungsempfehlungen greifen hier oft zu kurz. Stattdessen betonen aktuelle Studien die Relevanz einer individualisierten Diagnostik und Versorgung, die auf funktionellen Parametern basiert und gezielt auf die Bedürfnisse des einzelnen Kindes eingeht [1, 2].

Die personalisierte Ernährungsphysiologie umfasst laut aktueller Forschung unter anderem:

  • Genetische Prädispositionen (z.  Zöliakie, Laktoseintoleranz, Methylierungsstörungen, familiäre Hypercholesterinämie) [1]
  • Biomarker-basierte Diagnostik (z.  Omega-3-Index, Ferritin, Schilddrüsenparameter, Entzündungsmarker) [3]
  • Ernährungsgewohnheiten und kulturelle Aspekte (z.  vegetarisch, vegan, selektives Essverhalten) [4]
  • Neurokognitive Besonderheiten (z.  ADHS, Autismus, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen, Entwicklungsverzögerungen) [5]
  • Immunologische Profile (z.  Allergien, Neurodermitis, Infektanfälligkeit, Asthma bronchiale) [6]
  • Stoffwechsel- und Verdauungsfunktionen (z.  Fruktosemalabsorption, Histaminintoleranz, Mikrobiom-Dysbalancen) [7]
  • Exogene Belastungen (z.  Umwelttoxine, Medikamenteneinfluss, Stressfaktoren) [7]

Um die praktische Relevanz dieses Ansatzes zu verdeutlichen, werfen wir im nächsten Abschnitt einen Blick auf ausgewählte Mikronährstoffe, deren Wirkung und Bedeutung in aktuellen Studien besonders hervorgehoben wird. Sie stehen exemplarisch für die Tiefe und den Nutzen einer personalisierten Versorgung im Kindesalter.

Mikronährstoffe im Fokus

Vitamin D: Vitamin D ist nicht nur für Knochen und Immunsystem wichtig, es schützt auch vor Infektionen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Kinder mit viralen Atemwegsinfektionen (URTIs) häufig niedrigere Vitamin-D-Spiegel aufweisen. Nahrungsergänzungsmittel konnten das Risiko solcher Infektionen signifikant senken, insbesondere bei Kindern mit niedrigen Ausgangswerten [8]. Die Dosierung sollte individuell angepasst werden, auch über das erste Lebensjahr hinaus.

Omega-3-Fettsäuren: Omega-3-Fettsäuren (EPA und DHA) sind essenziell für die Entwicklung des Zentralnervensystems und der Sehschärfe, die Regulation des Blutdrucks und des Immunsystems und den Schutz vor Allergien [9]. Metaanalysen belegen positive Effekte auf Triglyzeride, BMI (Body Mass Index) und Insulinresistenz bei übergewichtigen Kindern [10, 11]. Hochdosiertes EPA verbessert zudem Aufmerksamkeit und Impulskontrolle bei Kindern mit ADHS und niedrigen EPA-Spiegeln – und kann die Medikamentendosis reduzieren [12].

Selen: Selen ist ein Schlüsselstoff für Wachstum, Neuroentwicklung und Immunfunktion. Studien zeigen, dass Selenmangel bei Vorschulkindern mit schlechteren kognitiven Testergebnissen korreliert [15]. In Mitteleuropa sind die Böden selenarm, was eine personalisierte Diagnostik und ggf. Supplementierung sinnvoll macht – besonders bei Allergien oder Stoffwechselstörungen wie Phenylketonurie [13, 14].

Jod: Jod ist essenziell für die Schilddrüsenfunktion und die neurokognitive Entwicklung. Schon ein milder Mangel kann die Intelligenz und Konzentrationsfähigkeit von Kindern beeinträchtigen [16]. Laut KiGGS-Studie erreichen 44 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland nicht den altersgerechten Bedarf [17]. Eine personalisierte Jodversorgung ist besonders bei vegetarischer Ernährung oder geringem Salzkonsum wichtig.

Eisen: Eisenmangel ist weltweit der häufigste Mikronährstoffmangel bei Kindern. Er beeinträchtigt die kognitive Entwicklung, Immunfunktion und körperliche Leistungsfähigkeit. Eine Metaanalyse zeigt, dass selbst bei nicht-anämischen Kindern eine Supplementierung spätere Mangelzustände deutlich reduzieren kann  [18]. Altersangepasste Dosierungen und regelmäßige Diagnostik sind entscheidend.

Zink: Zinkmangel kann das Wachstum und die Immunabwehr von Kindern beeinträchtigen [6]. Studien zeigen, dass eine Zinksupplementierung die Körpergröße, das Gewicht und die Durchfallhäufigkeit positiv beeinflussen kann. Besonders Kinder zwischen 6 Monaten und 12 Jahren profitieren von einer gezielten Gabe, idealerweise basierend auf individuellen Messwerten [19, 20]. Zudem sind niedrige Zinkspiegel mit Neurodermitis assoziiert. Eine gezielte Gabe bei nachgewiesenem Mangel kann die Hautsymptomatik verbessern [21].

Fazit

Personalisierte Kinderernährung ist kein Luxus, sondern ein evidenzbasierter Ansatz zur gezielten Förderung von Gesundheit und Entwicklung. Sie berücksichtigt die Vielfalt kindlicher Entwicklungsverläufe und schafft die Grundlage für eine präventive, ressourcenorientierte Gesundheitsförderung. Sie kann helfen, Mangelzustände zu vermeiden, Symptome zu lindern und die Entwicklung gezielt zu unterstützen – vorausgesetzt, sie basiert auf wissenschaftlich fundierter Diagnostik und wird personalisiert umgesetzt.

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Quellen

[1] Ordovas, J. M., Ferguson, L. R., Tai, E. S., & Mathers, J. C. (2018). Personalised nutrition and health. BMJ, 361, k2173. 

[2] Renner, B. et al (2023). Perspective: A conceptual framework for adaptive personalized nutrition advice systems (APNASs). Advances in Nutrition, 14 (5), 983-994. 

[3] Urbanski, G., Chabrun, F., Lavigne, C., Lacout, C., Delattre, E., Reynier, P., & Requin, J. (2024). Serum ferritin/C-reactive protein ratio is a simple and effective biomarker for diagnosing iron deficiency in the context of systemic inflammation. QJM: An International Journal of Medicine, 117(1), 9–15. https://doi.org/10.1093/qjmed/hcad218

[4] Robert Koch-Institut. (2024). EsKiMo II: Befragung zum Ernährungsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. https://www.rki.de/DE/Themen/Nichtuebertragbare-Krankheiten/Studien-und-Surveillance/Studien/KiGGS/eskimo_2_inhalt.html

[5] Bloch, M. H., & Qawasmi, A. (2011). Omega-3 fatty acid supplementation for the treatment of children with ADHD: Meta-analysis. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, 50(10), 991–1000. https://doi.org/10.1016/j.jaac.2011.06.008

[6] Wessels, I., Maywald, M., & Rink, L. (2021). Zinc as a gatekeeper of immune function. Nutrients, 9, 1286. https://doi:10.3390/nu9121286

[7] Rinninella, E., Raoul, P., Cintoni, M., Franceschi, F., Miggiano, G. A. D., Gasbarrini, A., & Mele, M. C. (2019). What is the healthy gut microbiota composition? A changing ecosystem across age, environment, diet, and diseases. Microorganisms, 7(1), 14. https://doi.org/10.3390/microorganisms7010014

[8] Devulapalli, C. S. (2024). Vitamin D supplements reduce risk of viral upper respiratory infections in children with lower concentrations. Acta Paediatrica, 114(5), 816–822. https://doi.org/10.1111/apa.17567

[9] González FE, Báez RV. IN TIME: IMPORTANCE OF OMEGA 3 IN CHILDREN’S NUTRITION. Rev Paul Pediatr. 2017 Jan-Mar;35(1):3-4. 

[10] Musazadeh, V., Mahmoudinezhad, M., Pam, P. et al. Omega-3 supplementation and cardiometabolic risk factors in obese/overweight children and adolescents: a GRADE assessed systematic review and meta-analysis. Nutr Metab (Lond) 22, 78 (2025). https://doi.org/10.1186/s12986-025-00952-x

[11] Khorshidi M, Hazaveh ZS, Alimohammadi-Kamalabadi M, Jamshidi S, Moghaddam OM, Olang B, Hatefi S, Hosseini A, Jamilian P, Zarezadeh M, Kohansal P, Heshmati J, Jamilian P, Sayyari A. Effect of omega-3 supplementation on lipid profile in children and adolescents: a systematic review and meta-analysis of randomized clinical trials. Nutr J. 2023 Feb 10;22(1):9. 

[12] Chang, J.PC., Su, KP., Mondelli, V. et al. High-dose eicosapentaenoic acid (EPA) improves attention and vigilance in children and adolescents with attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) and low endogenous EPA levelsTransl Psychiatry 9, 303 (2019). 

[13] Batyrova G, Taskozhina G, Umarova G, Umarov Y, Morenko M, Iriskulov B, Kudabayeva K, Bazargaliyev Y. Unveiling the Role of Selenium in Child Development: Impacts on Growth, Neurodevelopment and Immunity. J Clin Med. 2025 Feb 14;14(4):1274. 

[14] Dobrzyńska M, Kaczmarek K, Przysławski J, Drzymała-Czyż S. Selenium in Infants and Preschool Children Nutrition: A Literature Review. Nutrients. 2023 Nov 3;15(21):4668. doi: 10.3390/nu15214668. PMID: 37960322; PMCID: PMC10648445.

[15] Gashu D, Stoecker BJ, Bougma K, Adish A, Haki GD, Marquis GS. Wachstumsverzögerungen, Selenmangel und Anämie sind mit einer schlechten kognitiven Leistungsfähigkeit bei Vorschulkindern aus dem ländlichen Äthiopien verbunden. Nutr J. 2016 Apr 12;15:38. 

[16] Kalhoff, H., Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V.. & Ernährungskommission der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e. V.. Jod: immer noch ein kritischer Nährstoff bei Kindern und Jugendlichen. Monatsschr Kinderheilkd (2025).

[17] Thamm R, Hey I, Liesenkötter K-P, Thamm M (2023). Jodversorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Querschnittsergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Pädiatrische Praxis 100: 18-28.

[18] Andersen CT, Marsden DM, Duggan CP, Liu E, Mozaffarian D, Fawzi WW. Oral iron supplementation and anaemia in children according to schedule, duration, dose and cosupplementation: a systematic review and meta-analysis of 129 randomised trials. BMJ Glob Health. 2023 Feb;8(2):e010745. 

[19] Imdad A, Rogner J, Sherwani RN, Sidhu J, Regan A, Haykal MR, Tsistinas O, Smith A, Chan XHS, Mayo-Wilson E, Bhutta ZA. Zinc supplementation for preventing mortality, morbidity, and growth failure in children aged 6 months to 12 years. Cochrane Database Syst Rev. 2023 Mar 30;3(3):CD009384. 

[20] Monfared, V., Salehian, A., Nikniaz, Z. et al. The effect of zinc supplementation on anthropometric measurements in healthy children over two years: a systematic review and meta-analysis. BMC Pediatr 23, 414 (2023). https://doi.org/10.1186/s12887-023-04249-x

[21] Gray NA, Dhana A, Stein DJ, Khumalo NP. Zinc and atopic dermatitis: a systematic review and meta-analysis. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2019 Jun;33(6):1042-1050. 

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